Liebe Leserin, Lieber Leser,

Manchmal würde ich gerne eine Zeitreise unternehmen. Sie sollte mich gar nicht so viele Jahre zurückführen, bloß in die frühen Neunziger, als ich den Wunsch zu schreiben verspürte, aber jede neue Romanidee nach zwei, drei Kapiteln frustriert in die Tonne schmiss. Da investierte ich immer so viel Zeit in die ersten Sätze, bis sie sich tiefgründig anhörten, und trotzdem kam ich nicht viel weiter. Was mich stets sehr verwunderte (waren nicht brilliante erste Sätze das Wichtigste an einem Roman?) und vor allem entmutigte. Wie schön wäre es gewesen, wenn ich mich selbst in dieser Zeit an die Hand hätte nehmen und mit dem Wissen hätte trösten können, dass ich mit den Jahren doch noch einige Romane fertig schreiben würde. Sicher hätte ich mir zugeflüstert, dass es besser wäre, erst einmal weniger Mühe in die Tiefe und mehr ins Handwerk zu investieren. Dass Geschichten simpel sein können, solange sie emotional berühren. Dass der Form viel zu viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde, anstelle auf die Sprache der jeweiligen Geschichte zu hören.
Wenn ich mich selbst an die Hand hätte nehmen können, vielleicht hätte ich damals nicht so bald aufgegeben, um mich erst Jahre später wieder an einen Roman zu wagen. Vielleicht hätte ich am Ausprobieren mehr Spaß entwickelt und auch mehr Sinn im Scheitern gesehen.
Ich denke schon, dass es meinem Zwanzigjährigen-Selbst gefallen hätte, was ich heute schreibe. Obwohl ich damals bestimmt ziemlich überrascht gewesen wäre, dass kein avantgardistisches Theaterstück und keine hochkomplizierte On-the-Road-Beziehungs-Geschichte unter den Veröffentlichungen sind...

Welcher jüngeren Ausgabe von sich würden Sie gerne etwas zuflüstern?