Liebe Leserin, Lieber Leser,

Ich gehöre zu den Menschen, die absolut misstrauisch reagieren und sofort Abgründe vermuten, wenn andere zu sehr von ihrem ach so perfekten Leben schwärmen. Wenn ihre Kinder einfach wunderbar sind, die große Erfüllung, und sie ihren Mann oder ihre Frau mit dem Wort „Traum“ davor bezeichnen. Als einen Grund für mein ewiges Misstrauen vermutete ich Anfangs Neid auf das ungetrübte Glück: Vielleicht gibt es sie ja doch, die rundum mit ihrem Leben zufriedenen Menschen, und ich halte sie bloß nicht aus, weil ich selber nicht immer zufrieden und glücklich bin? Wenn sie doch sagen, es läuft alles toll, dann ist das vielleicht einfach so. Doch wenn ich sie dann in einem längeren Zeitraum erlebte, waren sie tatsächlich zu sehen: Die Risse im perfekten Familienleben. Der Traummann, der seine Frau und Kinder von jetzt auf gleich verlassen hat, weil er mit einer anderen ein unbelastetes Leben führen wollte. Die euphorische Mutter, die plötzlich mit Herzproblemen auf den alltäglichen Stress reagierte.
Ich glaube, ich bin so misstrauisch, weil ich Autorin bin.
Weil ich bestimmte Mechanismen benutze, um das unterdrückte Innenleben meiner Figuren zu zeigen. Weil ich meine Figuren umso stärker ihrer Umwelt versichern lasse, wie unfassbar glücklich sie sind, wenn alles längt unter ihnen wegbricht.
Klar, als Autorin wäre es ja auch furchtbar langweilig über Menschen ganz ohne jedes Problem zu schreiben. Wenn es sie denn in der Realität überhaupt geben sollte.