Liebe Leserin, Lieber Leser,

Wie viel Zeit vergangen ist, seit ich an meinem neuen Roman "Morgen bist du noch da" schrieb, ist mir heute so richtig auf der Hohenzollernbrücke klar geworden. Als Kölnerin meide ich den Bereich rund um die Altstadt normalerweise. Tatsächlich benutzte ich die Eisenbahnbrücke das letzte Mal vor rund zweieinhalb Jahren. Ich war damals mitten im Schreibprozess. Deshalb fanden wohl auch die Hängeschlösser - gekettet an das Gitter, das den Fußweg von den Gleisen trennt - Eingang in den Text. Meine Heldin Lio bleibt im Intercity mitten auf der Brücke stehen, bemerkt die Schlösser und denkt zunächst an ein Kunstprojekt, bis sie später realisert, dass Paare sich über dem Rhein für immer ihre Liebe schwören, zum Zeichen dieser Ewigkeit ein Schloss festmachen und den Schlüssel in den Strömungen des Flusses versenken. Lio (die in einer persönlich schwierigen Situation steckt, schwanger wie sie gerade ist) muss sich entscheiden, welche Form von Beziehung sie eigentlich führen will. Befremdet über diesen symbolischen Wunsch nach ausschließender Zweierkiste fragt sie sich, was mit den Schlössern geschieht, wenn die Menschen sich trennen.
(Ob Lio sich ihren Liebsten am Geländer ankettet oder ob es für sie nicht doch einen ganz anderen Weg gibt, das erfahren Sie bald in meinem Roman.)
Lange Abschweifung, kurzer Sinn: Ich habe beim Schreiben nicht geahnt, dass heute am Gitter fast gar kein Platz für ein weiteres Schloss übrig ist. Offenbar gab es in zwei Jahren einen explosionsartigen Anstieg der Sehnsucht nach dem "für immer". Oder ein Sonderangebot Schlösser bei Aldi und Kodi? Hoffentlich lässt die Stadt Köln die Schlösser nicht wegen Überschreitung des zulässigen Höchstgewichts knacken, bevor mein Roman erschienen ist...
Interessant wäre aber auch, welchen seltsamen Götterkult Archäologen in neunhundert Jahren vermuten, wenn sie an einer langgezogenen Stelle im Rhein Millionen von Schlüsseln finden werden.