Liebe Leserin, Lieber Leser,

Bei Recherchen für den Roman, an dem ich gerade schreibe, bin ich auf ein Zitat gestoßen, das ich wunderbar passend für mein derzeitiges Leben finde: „Es gibt Tage, da kommt man mit dem Leben einfach nicht zu Rande. Es ist wie ein Stück Stoff, mit dem man etwas bezieht: manchmal hat man so viel Leben, dass ein Überschuss bleibt, manchmal hat man aufs Haar soviel, wie man zum Glück braucht, aber manchmal reicht es nicht aus, man kommt damit einfach nicht zu Rande – vom festen Ziehen reißt schließlich nur der Stoff.“ Es stammt aus der Feder von Sofja Tolstaja, der Frau Lew Tolstois, eine völlig unterschätzte Autorin, deren schriftstellerisches Talent im Schatten der wild wuchernden Schlingpflanze ihres Genie-Ehemannes beinahe verdorrt wäre. (In ihrem Fall kann man wirklich die Bezeichnung „aus der Feder“ verwenden, denn sie schrieb alles mit der Hand – auch Tolstois ewig lange Manuskripte und die gleich mehrmals, weil er die Seiten immer wieder überarbeitete. Dann musste sie die Korrekturen erneut abschreiben.) Leider sind von Sofja Tolstaja nur zwei Romane erschienen: „Eine Frage der Schuld“ & „Lied ohne Worte“.

Mein Leben ist gerade ein gewagt gemustertes, reichlich buntes Stück Stoff, das an den Nähten immer wieder einzureißen droht, aber hey, wer möchte schon in einem gedeckten Mausgrau leben, nur weil das so schön pflegeleicht und praktisch ist?