Liebe Leserin, Lieber Leser,

haben Sie eine Vorstellung von der Zahl 30.000.000? In Worten: Dreißigmillionen? Das ist die Summe an Wörtern, die den Unterschied zwischen Kindern ausmachen, in deren Familien viel geredet wird, und denen, in deren Umgebung geschwiegen wird. Bis zum dritten Lebensjahr fehlen den Kindern in den Schweige-Familien eben diese dreißigmillionen Wörter, die in ihrer Gegenwart nie gesprochen worden sind. Stellen sie sich die Menge als Legosteine vor. Oder als Wassertropfen. Was für ein riesiger Wörtersee! Die amerikanische Studie von Todd Risley und Betty Hart („The early catastrophe“ von 1995) lässt mich erschauern. Sechzehn Jahre ist die Veröffentlichung nun her; (man sagt, dass Deutschland der amerikanischen Entwicklung circa zehn Jahre hinterher hinkt; also müsste das Schweigen längst bei uns angekommen sein).

Die Kinder von damals werden mittlerweile mindestens zwanzig Jahre alt sein und vielleicht auch schon selber Kinder haben. Es fehlen in ihrem Leben Wörter um Gefühle auszudrücken, um den Alltag zu durchdenken und um durch die Reflektion Handlungen verändern zu können.
Es fehlen Wörter, die die Fantasie anregen, Wörter, die trösten, Wörter wie „Geborgenheit“, „Abenteuer“ und „Neugier“.
Wie arm dran ist dieser materiell eigentlich so reiche Teil der Welt, wenn ihm die Worte fehlen?