Liebe Leserin, Lieber Leser,

für meinen neuen, noch fertig zu schreibenden Roman, der bislang keinen offiziellen Titel hat, recherchiere ich gerade über Dickens und das viktorianische Zeitalter. Da ich mich dem 19. Jahrhundert bereits in meinen beiden historischen Kriminalromanen „Der Puppensammler“ & „Die Kinderdiebin“ gewidmet habe und (bisher ganz unverbindlich, nageln Sie mich später nicht darauf fest) einen weiteren Roman andenke, der in dieser ganz besonderen Zeit spielt, kann man sicher mit Fug und Recht behaupten, dass ich ein gewisses Faible für diese Epoche habe. Manchmal frage ich mich, woher dieses Faible kommt. Ist die Beschäftigung mit der Vergangenheit eigentlich reiner Eskapismus & nostalgische Verklärung? Auf gar keinen Fall. Ich finde die gesellschaftlichen Veränderungen und Brüche in Weltanschauungen, die damals in kürzester Zeit abgelaufen sind, einfach wahnsinnig spannend. Auch weil mir die Bedingungen, unter denen die Menschen lebten, vergegenwärtigen, was für wichtige soziale und politische Errungenschaften unsere Vorfahren erreicht haben. Ich begehe nicht den Fehler und verherrliche die Blicke von Kindern aus riesigen Augen, die davon herrühren, dass ihre Wangen vor Hunger eingefallen sind. Kinderarbeit ist bei uns (woanders auf der Welt sieht das leider ganz anders aus) zum Glück kein Thema mehr. Denke ich. Wenn ich dann aber auf Artikel in Zeitschriften stoße, dass Kinder heute wieder Flaschen sammeln müssen, um ins Schwimmbad gehen zu können, dann wird mir spätestens klar, dass keine Errungenschaft endgültig ist. Dass wir nicht genug dafür tun können, soziale Standards zu verteidigen und deren Ausbau zu fordern. Mir beispielsweise reicht es nicht, dass meine Kinder nicht arbeiten müssen. Ich möchte auch nicht, dass Kinder in Asien Kleidung für uns zusammen nähen müssen, anstelle zur Schule zu gehen .
So erscheint Dickens’ Welt zwar zuerst weit, weit weg von der zu liegen, in der ich lebe, aber eigentlich ist es nur ein winzig kleiner Sprung...