Liebe Leserin, Lieber Leser,

Neulich nähte meine Mutter eine wunderschöne Jacke, die von einer Freundin bewundert wurde. Als meine Mutter mit stolzer Stimme verkündete, dass das Kleidungsstück aus Eigenfabrikation stammte, lautete der Kommentar dieser Freundin: „Ach ja, die neue Armut!“ Es ist seltsam, dass Selber-Nähen noch immer mit finanzieller Not in Verbindung gebracht wird. Dabei ist es doch wesentlich billiger, sich Kleider zu kaufen, die von Kindern unter Sklavenbedingungen in Bangladesh gefertigt wurden, als schönen Stoff zu erwerben. Wer schon einmal einen Pullover gestrickt hat, weiß Ähnliches von den Kosten reiner Wolle zu berichten. Arm ist in meinen Augen eher, wer den Wert von Handarbeit niemals kennen gelernt hat. Wer nie erlebt hat, wie befriedigend es sein kann, etwas selbst Gemachtes zu tragen oder zu verschenken.
Wenn ich mich an meine Kindheit zurück erinnere, fallen mir die innigen Stunden ein, die ich unter dem Tisch verbracht habe, an dem meine Mutter nähte. Mein Bruder und ich spielten versunken mit den Stoffresten. Zu Weihnachten bekam ich Hand gefertigte Puppenstubenmöbel und Kasperlefiguren geschenkt. Ich fand, dass das was Besonderes war. Von meinen Eltern habe ich also von Anbeginn an die Liebe zu alten und selbst gemachten Sachen geerbt.
Ich habe mich übrigens mit meinen Fundstücken und meinen Handarbeiten immer reich gefühlt.

Zum Weiterlesen:
Eine Frau näht jede Woche ein Kleid, das der Garderobe ihrer Großmutter auf Fotos ähnelt. Sehr hübsch! www.sewweekly.com
Für die extrem hippen Näherinnen und endlich mal für Näher! www.cut-magazine.com
Was man aus alten Büchern machen kann (aber bitte nicht aus meinen!): www.locchipinti.com
Anleitungen & Inspirationen: www.magpiepatterns.blogspot.com