Liebe Leserin, Lieber Leser,

wenn ich als bekennender Bücherjunkie durch Buchhandlungen oder Bibliotheken streife, frage ich mich immer wieder, warum ich überhaupt schreibe. Die vielen, vielen Bücher auf den Tischen und in den Regalen. Die Stapel von Bestsellern, die sich wie lauwarme Burger von McDonalds verkaufen. Die zahlreichen interessanten Bücher, die ich schon so oft lesen wollte, und zu denen ich noch nicht gekommen bin. Die wie ausgeladene Verwandtschaft zu Spottpreisen angebotenen Bücher auf dem Ramschtisch. Dazu Bücher, die gar nicht erst in den Handelsketten zu kaufen sind; die mir wahrscheinlich gut gefallen würden, wenn ich nur erst auf sie aufmerksam würde. Könnte ich mit meiner Zeit nicht besseres anfangen, als diesen unzähligen Büchern noch eines hinzuzufügen?
Nein. Ganz ehrlich nicht.
Schreiben bereichert mein Leben. Es ist ohne Frage oft genug eine Qual und verlangt mir unheimlich viel Disziplin ab, aber durch jeden Roman, den ich schreibe, habe ich das Gefühl, mich weiter zu entwickeln, Neues zu lernen, Zusammenhänge zu begreifen. Nicht umsonst wähle ich mir Themen, für die ich viel recherchieren muss. Diese ganzen Details, die teilweise bizarren Informationen, die ich mir aneigne - ohne sie wäre mein Leben seltsam unvollständig. Wussten Sie, dass Sofia Tolstoja die Anhänger ihres Mannes Lew Tolstoi als Finsterlinge bezeichnete? Kennen Sie die Bwa-Masken der Sierra Leone, die den Wilden Kerlen aus Sendaks Kinderbuch so ähneln? So was sauge ich auf; in meinen Romanen finde ich Verbindungen zwischen diesen Fundstücken.
Ich wachse an meinen Büchern. Ich gestehe, das Schreiben macht mir meistens keinen besonders großen Spaß. Generell ist es nicht einmal dem Ego zuträglich, weil jeder Mensch im Internet in Sekunden verreißen kann, wofür ich sehr viel Herzblut verbraucht habe. Aber das Suchen, das Lernen, das Öffnen meiner Augen für andere Welten und andere Zeiten, all das schafft mir unendliche Befriedigung.