Liebe Leserin, Lieber Leser,

Wie lässt sich der Tod eines Kindes bloß bewältigen? Diese Frage wird mir oft gestellt. Für mich war Schreiben ein elementarer Bestandteil der Trauerarbeit. Als ich begann, meinen zweiten Kriminalroman „Die Zärtlichkeit des Mörders“ zu entwickeln, war meine Tochter erst seit ein paar Wochen verstorben. Das Schreiben ermöglichte es mir, für einige Stunden in eine Welt abzutauchen, in der die Trauer um mein Kind nicht das gesamte Denken und Fühlen bestimmte. Ein paar Jahre später bin ich mit der Arbeit an Irgendwie mein Leben einen Schritt weitergegangen. Durch den zeitlichen Abstand - und dadurch, dass mein Buch ein fiktives und nicht mein persönliches Schicksal behandelt - konnte ich meine Emotionen noch einmal, aber diesmal kontrolliert durchleben. Das war manchmal sehr hart, aber es war auszuhalten und heilsam.
Mara, die Hauptfigur von Irgendwie mein Leben, bewältigt ihre Trauer durch eine Patchworkdecke, an der sie arbeitet, und bewahrt mit ihr die Erinnerungen an ihre Tochter. Noch bevor ich wusste, was im Detail in der Geschichte passieren würde, hatte ich vor Augen, dass Mara an einer Erinnerungsdecke näht, um ihren ganzen widersprüchlichen Gefühlen wie Trauer, Wut, Neid und Hoffnung einen Ausdruck zu geben.

„Kein Flicken ist wie der andere. Pastellfarbene Blumen, türkisfarbene Elefanten, Spitze auf Filz. Bunte Farben, auf denen Muster und Stickereien Leben versprühen, neben blassen Stoffen und hauchzarten Applikationen aus Seide. Winzige, kaum wahrnehmbare Nadelstiche, die viel Konzentration erfordert haben, und grobe Stiche, voller Wut durch den Stoff gezogen. Aneinandergenäht erzählt die Decke eine Geschichte. Die Geschichte der Trauer um meine Tochter und die Geschichte des Lebens, das ich ohne sie führen muss.“
Aus IRGENDWIE MEIN LEBEN