Liebe Leserin, Lieber Leser,

Neulich im Biomarkt fragte eine Dame ihre Freundin: „Was sind das denn für Flecken auf der Zitrone?“ Sie meinte die grünen Sprenkel in der Schale. Die Freundin wusste keine Antwort. „Ja was ist das denn nur?“ „Natur“, sagte ich. Die Dame kaufte die Zitrone nicht. Sie war ihr wohl nicht durchgängig gelb genug. Unsere Gesellschaft verlangt einfach zu makellose Produkte. Alles soll gleichförmig gefärbt sein. Alles muss neu wirken. Aber so gibt es nichts Besonderes mehr; so entstehen keine Geschichten & keinerlei Gefühle. So sind wir alle am Ende bloß Roboter. Ein von Botox geglättetes Gesicht lässt übrigens nicht nur keine Emotionen erkennen. Derjenige, der sich das Gift spritzt, um Spuren seines Lebens zu tilgen, legt laut einer Studie der University of Wisconsin auch sein emotionales Sprachverständnis lahm. Er versteht die anderen nicht mehr richtig. Ist Schönheit - im Sinne von Gleichförmigkeit - das wert?
Ich finde Makel schön und liebe Macken. Gesichter werden nicht durch Normhaftigkeit attraktiv. An Erlebnisse erinnern wir uns nicht, weil alles nach Plan verlief. Wurmlöcher und abgeplatzte Farbe an Flohmarktmöbeln beispielsweise lassen in meinem Kopf Geschichten entstehen. Geschichten, die anders, die nicht immer einzuordnen sind. Aber wenn wir jedem Gesicht die Individualität rauben, wenn wir uns nur noch mit Kleidern und Möbeln aus dem Katalog umgeben, wenn wir Geschichten so beschneiden, bloß damit sie einem Genre zuordnen sind, dann entstehen zwar gut zu vermarktende, austauschbare Produkte, niemals jedoch Kleinode, niemals etwas Einmaliges...
Wollen Sie sich damit zufrieden geben?
Ich kaufte übrigens die Zitrone, gerade weil sie grüne Sprenkel hatte. Und die Kekse, die ich damit backte, schmeckten besonders lecker.
Was ich Ihnen und mir für 2011 wünsche? Ganz viel Besonderes, ganz viele Makel und Macken & dass wir sie lieben lernen!